VIATOR INTER MUNDOS - Ragnar Gwynwulfson, der Wanderer Zwischen den Welten
  DIE WIKINGER- Eine Zusammenfassung
 

*VIKINGR*



Für all jene die es interessiert haben sich in der Leiste nun einige Unterseiten geöffnet, welche so einiges über dieses Volk erklären werden,
hier schon mal eine Zusammenfassung:


Die Wikinger
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Die Gefahr aus dem Norden
 

 

"Gibt es irgendwo einen Mann, König oder Prinz, zu Land oder zu Wasser, der so kühn ist wie wir ? Niemand wagt es, sich mit uns Schwert gegen Schwert zu messen. Mögen wir im Recht oder im Unrecht sein. Ackermann und Kaufmann, Reitersmann und Schiff, sie alle weichen vor uns."



Mit diesen Worten prahlte ein Wikingerhäuptling, als er im Jahre 866 die Segel setzte, um mit seinem Heer von tausend Kriegern einen Großangriff auf England zu unternehmen. Er war Däne und hatte den historisch überlieferten Namen Ivar ohne Knochen, vermutlich weil er ungeheuer gelenkig war. Auf jeden Fall war er kein Mann, der leere Sprüche machte. Ein Großteil Europas lebte damals in Angst vor diesen seefahrenden Plünderern, die mit ihren prächtigen Schiffen plötzlich aus dem Norden auftauchten und alles überrumpelten.
Die Raubzüge der Wikinger hatten ungefähr 80 Jahre zuvor eingesetzt. Es waren blitzartige Überfälle: Aus dem Dunst über der See tauchten plötzlich ein paar Schiffe voll dieser hünenhaften, kraftstrotzenden Männer auf. Sie plünderten, soviel sie wollten, und erbarmungslos schlugen sie jeden Widerstand nieder. Auf dem Wasser verschwanden sie dann wieder ebenso schnell, wie sie gekommen waren. Ivar ohne Knochen strebte jedoch nach Höherem: Er wollte England erobern und das fruchtbare, gut bewässerte Land besitzen.
Ivar schiffte sich mit seinen Männern und ihren Waffen ein, und die Flotte von Drachenschiffen segelte drei Tage lang über die Nordsee. Als er an der Küste von Kent landete, unternahmen die eingeschüchterten Landesbewohner den verzweifelten Versuch, sich von den Wikingern den Frieden zu erkaufen. "Und das Volk von Kent versprach ihnen für diesen Frieden Geld", berichteten die zeitgenössischen Geschichtsschreiber in der Angelsächsischen Chronik. "Und unter dem Deckmantel dieses Friedens brach die Wikingerarmee nachts heimlich in das Landesinnere auf und verheerte den ganzen Osten Kents, denn sie wußten, daß sie durch heimlichen Raub mehr Geld erbeuten würden als durch den Friedensvertrag."
Dann marschierten die Wikinger nach Norden, um das damals von einem Bürgerkrieg zerrissene northumbrische Königreich York anzugreifen. Zu spät entschlossen sich die rivalisierenden Könige von York, den Streit aufzugeben und mit vereinten Kräften die Nordmänner zuvertreiben. "Unter den Northumbriern wurde ein entsetzliches Blutbad angerichtet, und beide Könige wurden getötet", klagte die Chronik.
Nachdem die Wikingerhorde in Mittelengland ihr Unwesen getrieben hatte, überwinterte sie in Nottingham: Im Frühjahr des Jahres 868 zog sie sich nach Ostanglien zurück. Dort besiegten Ivar und seine Männer noch einen König, den sie grausam folterten und schließlich töteten. Es war der beliebte Edmund von Ostanglien, ein frommer Christ, der später von der katholischen Kirche für seinen edelmütigen Kampf gegen die Heiden heiliggesprochen wurde.
Der Flut der Wikinger wurde schließlich von König Ethelred von Wessex und dessen Bruder Alfred - später wurde er Alfred der Große genannt - Einhalt geboten. Allerdings hatten sie schon mehr als die Hälfte Englands erobert, dessen Bewohner unterworfen und das Land unter sich aufgeteilt.
Zwischen dem 8. und 11. Jahrhundert, als die Wikinger ihre große Zeit hatten, wiederholten sich Eroberungen wie die Ivars ohne Knochen noch unzählige Male. Die aus Dänemark, Schweden und Norwegen hervorbrechenden seefahrenden Krieger eroberten einen Großteil der Britischen Inseln. Sie plünderten die Küste Frankreichs, stießen ins Landesinnere vor, belagerten Paris und vertrieben die fränkischen Lehnsherren aus der Normandie. Auf den großen Strömen Mitteleuropas drangen die Wikinger nach Süden vor, sie überwältigten die Slawen in Rußland, nahmen Kiew ein und stießen bei Konstantinopel, der großen Hauptstadt des Byzantinischen Reichs, mit den Griechen zusammen.
Und bei all ihren Eroberungszügen brachten die Wikinger eine ungeheure Beute an sich. Sie waren aber weitaus mehr als Barbaren, die sich mit Raub und Brandschatzung zufriedengaben. Ebenso schlau und intelligent wie mutig und kraftvoll waren sie auch als Städtebauer und Staatengründer, Dichter und Gesetzgeber. Außerdem waren die Wikinger noch hervorragende Händler, und sie unternahmen kühne und ausdauernde Entdeckungsfahrten, auf denen sie sich sogar über den Atlantik wagten. Seit dem Goldenen Zeitalter des Römischen Reiches hat kein Volk das Abendland so nachhaltig durch seine Eigenart und seine Taten geprägt wie die Wikinger.

 

 

Wie es bei Geschichten, die Jahrhunderte nach den tatsächlichen Ereignissen zu Papier gebracht wurden, nicht anders zu erwarten ist, sind die Sagas an vielen widersprüchlichen und zweideutigen Stellen nicht stichhaltig und voll verwirrender Unklarheiten. Oft hatten die Autoren die Angewohnheit, sich gerade über dramatische Höhepunkte provozierend knapp und sachlich zu äußern. Dennoch bleiben die Sagas nach wie vor die zuverlässigsten Quellen für die Wertvorstellungen der Wikinger und ihre Anschauungen über Helden und Bösewichte. Die Ergebnisse archäologischer Untersuchungen haben die Berichte der Sagas und die Erzählungen in den christlichen Chroniken zum Teil bestätigt.
 
 

Bei Anbruch des 9. Jahrhunderts, der Zeit ihrer ersten Überfälle auf die englischen Küstengebiete, waren die aus Skandinavien hervorbrechenden Wikinger im wesentlichen noch ein einziges Volk, in dem sich damals kaum die Aufspaltung in die Nationen Norwegen, Schweden und Dänemark abzeichnete. Sie sprachen alle eine Sprache: Altnordisch. Auf isolierten Bauerngehöften - für gewöhnlich in der Nähe eines Gewässers - führten alle das gleiche harte Leben. Sie verehrten dieselben Götter, und ihre Barden verherrlichten in ihren Gesängen dieselben kriegerischen Vorfahren.
Sie stammten direkt von den germanischen Stämmen ab, die sich zwischen dem 1. und dem 5. nachchristlichen Jahrhundert über den ganzen europäischen Kontinent ausbreiteten und das Römische Reich zu Fall brachten.
Ein zeremonieller
            Schmuck
 
Nach einer weitverbreiteten Legende sollen die Wikinger mit riesigen, gehörnten Helmen in die Schlacht gezogen sein, deren Anblick ihre Gegner in größten Schrecken versetzte. In Wirklichkeit haben die Krieger diesen Kopfschmuck nie ( im Kampf) getragen. Diese Helme gehen auf die Bronzezeit in Skandinavien zwischen 1800 und 500 v. Chr. zurück;!!! Weit VOR den Wikingern!!! Sie waren den Reichen und Vornehmen vorbehalten und wurden nur für zeremonielle Zwecke verwendet. Die VORFAHREN der "Wikinger" trugen sie bei rituellen Anlässen und bei der Götterverehrung. Wenn sie sich für den Kampf rüsteten, setzten die Wikinger kegelförmige Kappen aus Eisen oder Leder auf oder verzichteten auf eine Kopfbedeckung.
Noch ältere Vorfahren der Nordmänner lassen sich bis 6000 v. Chr. zurückverfolgen. Damals verkehrten Männer und Frauen mit primitiven Ruderbooten zwischen den 600 dänischen Inseln, drangen in die tiefen, schmalen Fjorde vor, die das Meer in die schroffen Gebirge Norwegens eingeschnitten hat, und befuhren die Tausende von Seen und Flüssen, die Schweden durchziehen. Diese Menschen waren Nomaden, die von einem Jagdgrund zum anderen zogen; vermutlich entfernten sie sich von der Küste, um Seehunden, Delphinen und Walen nachzurudern.
Zwei Jahrtausende später schlossen sie sich im Zuge einer neuen Völkerwanderung Menschen an, mit denen sie seßhaft wurden, Ackerbau trieben und in dauerhaften Behausungen lebten. Ihre Grundnahrung Fisch beschafften sie sich noch immer mit dem Boot. 1500 v. Chr. beluden sie ihre Boote bereits mit Werkzeugen aus Feuerstein und mit - zum Teil zu Schmuckstücken verarbeitetem - baltischem Bernstein und wagten sich bis nach Irland und England vor, um Gold, Kupfer und Zinn einzutauschen. Aus dieser Zeit hat man zwar keine seetüchtigen Schiffe gefunden, aber auf den Britischen Inseln wurden solche Gegenstände, die zweifellos skandinavischen Ursprungs sind, ausgegraben.
Die Entstehung des wikingischen Selbstbewußtseins beruht auf einem Paradox. Das Meer und die Fjorde regten einerseits sie Skandinavier seit undenkbaren Zeiten an, Boote zu bauen, zur See zu fahren und den Kontakt mit anderen Völkern zu suchen, andererseits waren sie für die Ausbildung ihres Separatismus und Regionalstolzes verantwortlich. Ihr Leben auf isolierten Landflecken, wo sie einem kargen, mit Felsbrocken übersäten und auch häufig gefrorenen Boden ihren Lebensunterhalt abrangen, führte dazu, daß sie einen stolzen Unabhängigkeitssinn und innerhalb der Gemeinden ein grimmiges Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelten.
Auf einem Wikingerhof wurden - als Ergänzung zu der Nahrung aus dem Fischfang - Hafer, Gerste, Roggen und Kohl angebaut; man hielt Gänse, Rinder, Ziegen, Schafe und Schweine, die sowohl Fleisch als auch Werkstoff (Horn, Felle, Federn und Wolle) lieferten; die Werkstoffe wurden für Kleidung, Werkzeuge und das Boot benötigt, das sich unweigerlich unter den beweglichen Gütern befand. Auf dem Gehöft stand ein großes Gebäude, das bis zu einem Dutzend Personen Unterkunft bot, darunter auch zwei oder drei Sklaven, die als Bauernknechte oder als Hilfskräfte für alle anfallenden Arbeiten eingesetzt wurden. Die Hauswände waren aus Holz, Stein, Grassoden oder Flechtwerk mit Lehmbewurf erbaut - je nachdem, welches Material zur Verfügung stand.
Im Inneren des Hauses verliefen entlang den Wänden der Haupthalle Bänke. Der Sitz in der Mitte des Raumes war oft wie eine Art Ehrenthron erhöht und rechts und links von zwei Pfeilern flankiert. In den Sagas wird berichtet, daß alle Holzeinrichtungen des Hauses, vor allem die Säulen des Hochsitzes, mit Schnitzereien reich verziert waren, die oft ein geometrisches oder ein Blumenmuster und gelegentlich auch eine Gottheit, wie den beliebten Thor, darstellten. In einer solchen Halle thronte inmitten seiner Söhne und Gefolgsleute auf einem Hochsitz der bondi oder Besitzer des Bauernhofs - ein selbstbewußter, autarker Patriarch.
Eine Wikingergemeinde bestand aus einer Ansammlung von solchen Häusern, die entweder wie in einem Dorf nahe beisammen standen oder in einem Tal verstreut lagen, das von der Wasserkante bis an eine Gebirgsgrenze reichte. In jedem Fall bestand eine Gemeinde normalerweise aus einer oder mehreren Familien, die bis zu den Vettern dritten oder sogar vierten Grades miteinander verwandt waren - Leute, die alle ein und denselben Ur-Ur-Urgroßvater hatten.
Oftmals verbündeten sich mehrere benachbarten Großfamilien miteinander. Die Angehörigen eines solchen Bundes gingen gemeinsam auf die Jagd oder zum Fischen; sie hatten eine Verteidigungs- und Handelsgemeinschaft und unternahmen gemeinsam ihre nach dem Ende des 8. Jahrhunderts üblichen Raubzüge in fremde Länder. Jede Großfamilie hatte ihr Oberhaupt, den Jarl oder Grafen, und in Zeiten der Bedrängnis gingen aus den Reihen dieser Häuptlinge natürliche Führer hervor. Hier und da wurde ein solcher Führer von seinen Gefolgsleuten konugr genannt; im Altnordischen hatte dieses mit dem deutschen "König" etymologisch verwandte Wort die Bedeutung "Mann berühmter Abstammung".
 
 

In den Sagas wird den endlosen Fehden und dem Blutvergießen große Bedeutung beigemessen; man kann sich nur wundern, daß die Wikinger überhaupt noch genug Energien für die Bewirtschaftung ihrer Bauernhöfe hatten, vom Sammeln einer Streitmacht für die Überfälle in der Fremde ganz zu schweigen.



Die Waffen eines mörderischen Zeitalters

 
Schwert und
            Speerspitze Schwert und Speer

 
"Kein Mann sollte sich je einen Schritt von seiner Waffe entfernen, denn er kann nie wissen, wann er sie vielleicht brauchen wird", heißt es warnend in einem alten Gedicht.
 
Klinge einer
            Streitaxt Klinge einer Streitaxt
 
In der gewalttätigen Ära der Wikinger hielt ein vorsichtiger Mann seine Waffen stets griffbereit, ob er als Bauer während einer Blutfehde auf der Hut sein mußte, oder ob er sich als Händler vor Überfällen oder als Herr vor seinen Sklaven fürchten mußte.
Die Nordmänner kämpften auch mit Pfeil und Bogen, zogen aber Speere, Schwerter und Äxte vor. Speere waren tödliche Waffen, und die Sagas verherrlichen die Großtaten von Speerwerfern. So gelangte ein zum Christentum bekehrter Krieger namens Tryggvi zu immerwährendem Ruhm: Nachdem man ihn als Sohn eines Priesters verhöhnt hatte, schleuderte er mit beiden Händen einen Hagel von Speeren auf seine heidnischen Feinde und rief: "So hat mich mein Vater die Messe lesen gelehrt!"
Die bedeutendsten Waffen der Wikinger waren jedoch ihre schweren Schwerter und ihre zuverlässigen Kriegsäxte, mit denen sie Schilde durchhauen und einen Mann mit einem Schlag töten konnten. Obwohl auch wikingische Waffenschmiede Stahl herstellten, stammten die besten Klingen von deutschen oder französischen Handwerkern. Diese Waffen waren als Raub- und als Handelsgut sehr begehrt; sie trugen Namen wie "Beinbeißer", "Grimmig" und "Lang-und-Scharf" und wurden über Generationen weitervererbt.
Die Wikinger liebten Geschichten, in denen die Helden angesichts von Widrigkeiten tapfer zur Selbsthilfe griffen. Sie johlten begeistert, wenn sie von dem alten Bonden hörten, der geprahlt hatte: "Einmal dauerte der Friede schon so lange an, daß ich fürchtete, ich könnte zu Hause im Bett an Altersschwäche sterben." Sie identifizierten sich gern mit verwegenen Gestalten wie Gunnar Hamundarson, einem der Sagahelden. Er war ein "großer und mächtiger Mann", der mit seinem Schwert so schnell zuschlug, daß es schien, "als führte er drei Schwerter auf einmal".
 
Schild Schild
 
Beifall fand auch Gunnars Aussehen: Er hatte "eine helle Hautfarbe, eine gerade Nase mit leicht gebogener Spitze, lebhafte blaue Augen, rote Backen und dichtes flachsblondes Haar".
Eine beliebte Gestalt war auch Skarphedin Njalsson. Eines Tages erblickte er seinen verhaßten Feind Thrain Sigfusson, der mit einer Truppe von Gefolgsleuten auf einer Eisscholle stand, die weit draußen auf dem Wasser trieb. Mit erhobener Axt machte Skarphedin einen gewaltigen Satz über das Wasser und glitt so schnell auf dem Eis entlang, daß Thrain nicht einmal Zeit hatte, seinen Helm aufzusetzen. Ein furchtbarer Schlag spaltete seinen Schädel bis zum Kinn, und "seine Backenzähne kollerten aufs Eis", Skarphedin, dem ein Schild in den Weg geworfen wurde, sprang darüber und rutschte über das Eis in Sicherheit, ehe ihm auch nur ein einziger Mann aus der Schar seiner Feinde einen Schlag versetzen konnte.
Ehre und Wagemut, Kühnheit, Stärke und Behändigkeit - das waren die Eigenschaften, die von den Wikingern geschätzt und hochgehalten wurden. Die kriegerische Natur der Wikinger, die sie selbst so gerne hervorhoben, hatte jedoch auch eine etwas weniger bewundernswerte Kehrseite: die wilde Grausamkeit und die Brutalität, die sie ihren Feinden gegenüber an den Tag legten. In der Tat scheint es sich dabei um eine absichtliche Übertreibung zur Einschüchterung ihrer Feinde gehandelt zu haben. Genauso wie sie den geschnitzten Steven ihrer Schiffe die Gestalt von Drachen und anderen scheußlichen Tieren gaben, um Abergläubische in Panik zu versetzen, wenn sie damit auf dem Meer auftauchten, brachten sie auch sehr geschickt Geschichten über ihre eigene Wildheit in Umlauf. In einer gräßlichen Erzählung wird beschrieben, wie die Normannen 867 nach einer Schlacht zwischen dänischen Wikingern und zwei englischen Königen den gefangengenommenen König Ella von Northumbrien folterten. Sie brachen ihm den Brustkorb auf und rissen die Lungen heraus. Sie nannten diese Tortur das Zerlegen des Blutadlers, weil die beiden Lungen unter den letzten Atemzügen des sterbenden Opfers wie Flügel flatterten. Die von Wikingern wie Besiegten gleichermaßen verbreitete Kunde von solchen Folterungen war eine unmißverständliche Botschaft an die Völker, daß es entschieden ratsamer sei, dem unbarmherzigen Ansturm der Nordmänner nachzugeben, als ihn abwehren zu wollen.
Kettenhemd Kettenhemd
 
Solche Grausamkeit entsprang nicht bloß der Phantasie jener Männer, die die Sagas niederschrieben. Sie kam nur allzu häufig vor. Das gleiche gilt für eine andere Verhaltensweise, die ebenfalls als charakteristisch für die Wikinger angesehen wurde: das seltsame, wilde Gebaren, mit dem manche von ihnen in die Schlacht stürmten. Sie ließen die Augen rollen, bissen in den Rand ihrer Schilde und brüllten wie Tiere. Ohne Rücksicht auf Schmerz oder Gefahr stürmten sie - manchmal sogar ohne schützende Rüstung - auf ihren Feind zu. Ein Krieger, der sich so aufführte, wurde berserkr genannt: dieses altnordische Wort wurde verschiedentlich als "Barhäuter", d.h. jemand ohne Hemd, oder als "Bärenfell" gedeutet, was ein Verweis auf die Tierfelle sein könnte, die manche von diesen Männern vielleicht getragen haben. Die anglisierte Form "berserk" wurde als Bezeichnung für wikingische Gewalttaten verwendet, und noch in unserem heutigen Sprachgebrauch verstehen wir unter einem "Berserker" einen blindwütig tobenden Menschen. Natürlich kämpften nicht alle Wikinger so. Moderne Gelehrte nehmen an, daß dieses wahnwitzige Gebaren vielleicht auf einen Alkoholrausch zurückzuführen ist, den sie sich kurz vor dem Kampf antranken, in dem sie Bier oder Wein mit großen Zügen in sich hineinschütteten. Auch Verfolgungswahn oder eventuelle genetische Störungen einzelner werden als Erklärungen angeführt.
Was immer die Ursache gewesen sein mag, Tatsache ist, daß einige Wikinger - der genaue Prozentsatz ist nicht bekannt - wie Berserker kämpften. Und manche Könige und Jarle verwendeten diese Männer als Leibwächter, Stoßtrupps oder um Angst und Schrecken und verbreiten.
Die Tatsache, daß ihr Denken - ob zu Hause oder in der Fremde - immer um den Kampf kreiste, erweckte den Anschein, als ob die Nordmänner sich an keinerlei Gesetze hielten. Das war jedoch nicht der Fall. Wie die Literatur der Wikinger, so waren auch ihre Gesetze uralten Traditionen verhaftet; sie wurden nur im Gedächtnis festgehalten und mündlich überliefert. Ein gelehrter Gesetzsprecher sagte sie bei Bedarf laut auf.

Die Ausrüstung der Wikinger reichte vom schlichten Holzschild über die eiserne Lanzenspitze und das hochentwickelte Kettenhemd bis zur reich verzierten Streitaxt, deren verschlungenes Tierornament mit Silberdraht eingelegt wurde.

 

 

 

 
Zeugnisse genialer Schiffbaukunst

 

 
Die in der Schilderung menschlicher Taten oft so streng sachlichen Wikingersagas werden beredt, wenn es um die Beschreibung jener Schiffe geht, mit denen die Nordmänner aufbrachen, um die Welt zu erobern. Eine Saga berichtet, wie "auf dem Steven das Gold glänzte und auf den verschieden geformten Schiffen das Silber blitzte. So großartig war in der Tat die Pracht dieser Flotte, daß die Schiffe allein den Feind in Schrecken versetzt hätten, wenn ihr Herr irgendein Land hätte erobern wollen".
Aber erst im Laufe der letzten 100 Jahre, als Archäologen die entlang der skandinavischen Küste verstreuten, großen Grabhügel untersuchten, konnte die Welt Konkretes über die Schiffe der Wikinger erfahren. Denn als vollendete Seefahrer nahmen die Wikinger ihre Schiffe mit ins Grab, um sich auch im Jenseits bedienen zu können. Es grenzt an ein Wunder, daß einige von ihnen fast unversehrt geborgen worden sind, obwohl sie ein Jahrtausend unter der Erde lagen.
Von sagenhaftem Gold und Silber war leider keine Spur. Vielleicht hatten Grabräuber die Schätze schon ein paar hundert Jahre zuvor weggeschleppt. Die Schiffe selbst legten jedoch Zeugnis von der genialen Schiffbaukunst der Wikinger ab. Lang, schlank, von wunderbarer Konstruktion und offenbar seetüchtig, waren es Schiffe eines vorher nicht bekannten Typs. Sie setzten sich aus erstaunlich wenigen Teilen zusammen: Kiel, Vordersteven, Heck, Spanten und auf beiden Seiten etwa ein Dutzend Plankengänge.
Zwei von diesen Schiffen - das im norwegischen Gokstad und das nicht weit davon in Oseberg ausgegrabene - repräsentierten zwei verschiedene Aspekte des Schiffbaus der Wikinger. Während das Gokstadschiff eindeutig ein Kriegsschiff war, handelte es sich bei dem Osebergschiff offenbar um ein Prunkschiff für kürzere Strecken.
Nicht die Größe ließ die Fachleute zu diesem Schluß kommen. 21,60 Meter lang, 5,20 Meter breit und etwa einen Meter vom Kiel bis zum Bordrand hoch, war das Osebergschiff ebenso groß wie viele Hochseeschiffe. Es war eher eine gewisse Sparsamkeit in der Bauweise: ein dünner Kiel, ein zusammengesetzter Achtersteven und nicht verschließbare Ruderlöcher, die auf keine schweren Belastungen schließen ließen. Das Schiff war auch vom geschwungenen Vordersteven bis zum Heck mit einem prächtig geschnitzten Bandornament verziert, auf dem verschlungene, stilisierte Tiere von der Wasserlinie nach oben drängten. Eine Historikerin schrieb; "Wer je das Osebergschiff mit eigenen Augen gesehen hat, wird die Wikinger des 9. Jahrhunderts nie mehr bloß für gemeine und seelenlose Barbaren halten können."
Waren die wikingischen Langschiffe - die größten von ihnen hießen Drachen - für die übrige Welt ein Bild des Schreckens, so erfüllten sie die Nordmänner selbst mit großem und berechtigtem Stolz. Im Mittelalter war es in der westlichen Welt üblich, daß Männer und Frauen nicht weiter von ihrem Geburtsort entfernt lebten und starben, als sie zu Fuß gehen konnten. Reisen waren damals langwierig und gefährlich; nur die Wikinger schienen über die Landkarte zu stieben wie Wasservögel über den Teich. Sie tauchten immer dann auf, wenn man sie am wenigsten erwartete, und sie verschwanden, wenn es ihnen beliebte. Das gelang ihnen, weil sie im Unterschied zu anderen europäischen Völkern im frühen Mittelalter die Seewege kannten und wußten, welche Macht mit der Herrschaft über das Meer verbunden war. Durch den harten Überlebenskampf an den urzeitlichen Fjorden, den endlosen Wasserstraßen, in schweigsamen Wäldern und auf den vom Meer umspülten Inseln waren sie für die Seefahrt wie geschaffen und bald ein Volk von Seefahrern; zu Lande wie zu Wasser gleichermaßen in ihrem Element, war es ihnen bestimmt, zum Inbegriff der Seefahrer ihrer Zeit zu werden.
"Die Dänen", schrieb ein Chronist des frühen Mittelalters, "lebten im Meer"; mit dieser Feststellung, die auch für die Schweden und die Norweger galt, hatte er kaum übertrieben. Lange bevor sie seetüchtige Schiffe entwickelt hatten, mir denen sie Ozeane überqueren konnten, bezogen die Skandinavier ihre Nahrung aus dem Meer; sie fischten nach Dorschen, Schellfischen, Weißfischen, Sardinen, Heringen, Thunfischen und Makrelen. Mit ihren Einbäumen und Booten aus Fellen und - in seltsamen neuen Formen - aus Holz wagten sie sich immer weiter vor die Küste. Daß sie schließlich die Herren des Meeres wurden, beruhte ebenso auf ihrer hervorragenden Schiffbaukunst wie auf ihrer genialen Fähigkeit, neue Navigationsmethoden zu entwickeln.
Die ältesten nordischen Schiffe sind auf Bildsteinen zu sehen, die etwa um 1500 v. Chr. entstanden. Die vertraute hochgeschwungene Bug- und Heckform des skandinavischen Spitzgattboots ist auf diesen Zeichnungen deutlich zu erkennen. Diese Konstruktionsform ergab sich zwangsläufig aus dem Umstand, daß die Wikinger die stürmischen nördlichen Meere befahren mußten. Bei dieser Art von Spitzgattbooten, einer rein skandinavischen Bauweise, bewirkte die Form des Schiffes, daß es selbst bei einer berghohen achterlichen See noch manövrierfähig blieb, weil die anstürmenden Wellen vom Heck ebenso mühelos zerteilt wurden wie vom Bug. Bug wie Heck gingen mit der Welle in die Höhe. Auf diese Weise verhinderte die Konstruktion, daß die Sturzseen über das Schiff hinweg gingen und es vielleicht sogar unter sich begruben.
Obwohl einige der ältesten Boote aus der Bronzezeit, die in den nördlichsten Teilen Skandinaviens gefunden wurden, aus Eichenrahmen und darübergespannten zusammengenähten Tierhäuten bestanden, scheint damals im südlichen Norwegen eine andere Konstruktionstechnik viel gebräuchlicher gewesen zu sein. Es handelte sich um eine typisch nordische Erfindung, bei der die Außenhaut nicht aus Tierfellen, sondern aus sehr dünnen Holzplanken bestand, die mit Wieden - faserartigen, kräftigen Fichtenwurzeln - verbunden waren. Zuerst wurden diese Holzboote ohne Kiel gebaut, weil man auch ohne den durch ihn bewirkten geringeren Wasserwiderstand über die relativ geschützten Wasserwege und Fjorde, über die riesigen Seen oder durch die grenzenlose Inselwelt Schwedens, Dänemarks und Norwegens rudern konnte.
Ein erbittertes
            Gefecht: Drache gegen Drache
 
Hinter der steilen Landspitze eines Fjords taucht eine Wikingerflotte auf: auf ihr befinden sich die Angreifer, die zum Teil bereits die Segel eingezogen haben und in die Schlacht rudern. Ihre Gegner manövrieren in aller Eile ihre Langschiffe in eine Reihe. Eine Mannschaft macht ihr Schiff einsatzbereit, indem sie den Mast umlegt, andere bringen ihre Schiffe in Position und vertäuen sie zu einer schwimmenden Festung. Ein kleines Schiff mit acht Riemen bringt einem Langschiff Verstärkung und nimmt unnötige Ausrüstung mit, um das Deck des größeren Schiffs für den Kampf freizumachen.
 
Diese leichten Boote ließen sich ohne große Schwierigkeiten auf den Strand ziehen und auf flachen Flüssen weit flußaufwärts rudern. Wegen ihrer hohen Bug- und Heckform konnte man sich mit diesen Booten auch durch die Brandung aufs Meer hinaus und, während der günstigeren Sommermonate, über größere Strecken wie das Skagerrak und die Ostsee wagen. Weiter konnte man damit allerdings nicht fahren; daran änderte sich auch jahrhundertelang nichts. Die Skandinavier waren noch nicht auf die Idee gekommen, Segel zu verwenden, und sie konnten nicht damit rechnen, daß Wind und Wetter länger als zwei Tage zum Rudern ruhig genug bleiben würden.
Dieser erste Prototyp des Langschiffs wies jedoch noch weitere Unzulänglichkeiten auf: Das Schiff war zu schmal und konnte deshalb gefährlich ins Rollen geraten; dann waren seine Seitenwände nicht hoch genug, so daß es für die hohen Wellen des Nordatlantiks keinen ausreichenden Freibord hatte. Ohne Kiel ließ es sich bei Gegenströmungen oder Gegenwinden nur schwer steuern; und den Versuch, ein solches Schiff in einem Sturm am Querschlagen zu hindern, hätte selbst der beste Steuermann bald erschöpft aufgeben müssen. Bis zum Beginn der Wikingerzeit war dieser mit großem Geschick angefertigte Bootstyp eine wirksame Waffe in Blutfehden und ein Transportmittel für den Küstenhandel - mehr nicht.
Erst im Laufe des 7. Jahrhunderts lernten die Nordmänner Langschiffe bauen und segeln. Sie entwickelten einen geglätteten, sauber bearbeiteten Prototyp, bauen einen Kiel ein, der Richtungsstabilität und Stoßkraft verbesserte, und stellten einen robusten Mast auf, an dem ein breites Segel gesetzt werden konnte. Dann segelten sie los: auf den Ozean über den Horizont hinaus und in unbekannte Fernen.
Die ausschlaggebende Neuerung war das Segel. Wie die Wikinger darauf gekommen sind ist ungeklärt. Zur Römerzeit hatte es Handelsschiffe mit Rahbeseglung gegeben. Der Untergang des Römischen Reiches lag aber Jahrhunderte zurück, und in Europa herrschte seit dem finsteres Mittelalter. Es ist aber möglich, daß skandinavische Küstenhändler primitive Segelboote mit ähnlicher Takelung zu Gesicht bekamen. Die Friesen hatten sie von den Römern übernommen, als deren Reich sich bis zur Nordsee und an die Grenzen ihres Gebietes erstreckte, Vielleicht hatte auch die Takelung arabischer Dhaus auf dem schwarzen Meer die Bewunderung nordischer Händler erregt, die auf dem Landweg dorthin gelangt waren.





Das Wikingersegel war jedoch so ungewöhnlich, daß es durchaus eine eigenständige Entwicklung gewesen sein kann. Denn ein typisches Langschiff mit einer Länge von 27 Metern hatte einen Mast, der nur lächerliche 9 Meter maß und der wegen seiner geringen Länge leicht auf zwei oder drei mittschiffs angebrachte Gabelstützen umgelegt werden konnte. So stand er beim Landen oder während eines Seegefechts nicht im Wege.

Der große Drakar

Der große Drakar, auch Drachenschiff genannt, der Stolz von Königen und das Flaggschiff der Wikingerflotten, hatte eine Länge von mehr als 48 Metern und eine Breite von etwa 7,50 Metern; es war mit bis zu 72 Riemen ausgerüstet. Neben der ernormen Größe war der ungewöhnlich hohe Freibord das auffälligste Merkmal des Drakar, der der Besatzung von 300 Kriegern größtmögliche Vorteile im Kampf bot.

 

Was dem Segel an Höhe fehlte, wurde durch seine Breite wettgemacht: Es wurde wie ein ernorm in die Breite gezogenes Rechteck zugeschnitten - auf dem typischen Langschiff hatte es eine Spannweite von 12 bis 15 Metern, bei der riesigen Ormen Lange könnten es sogar mehr als 21 Meter gewesen sein. Es wurde an einer Rah gehißt, manchmal war es auch noch an einer Unterrah befestigt. Beim Segeln vor dem Wind wurde das Segel zur Erhöhung der Geschwindigkeit oft zwischen zwei seitlich gesetzte Sprietbäume gespannt; dabei handelte es sich um lange Stangen, die in den runden Vertiefungen zweier an den Bordwänden befestigter Klötze verankert werden konnten. Diese Klötze befanden sich vor dem Mast. Wenn das Schiff quer zum Wind oder hoch am Wind lief - und allen Berichten zufolge segelten die Langschiffe der Wikinger sehr wohl hoch am Wind -, wurde nur ein Sprietbaum verwendet.
Die Segel selbst waren aus grober Wolle und zur Erhöhung der Festigkeit doppelt gewebt. Sie waren im allgemeinen rot, manchmal einfarbig, manchmal hatten sie ein Rauten-, Karo- oder Streifenmuster, um für Freunde von weitem besser erkennbar zu sein. Diese Segel sorgten für einen starken Antrieb. Im nassen Zustand waren sie schlecht zu handhaben und konnten zur tödlichen Gefahr werden. Ein solches Segel konnte selbst einen stämmigen Wikingerhäuptling zu Boden werfen - wie den norwegischen König Eystein, der dadurch von seinem Langschiff ins Wasser stürzte und ertrank, als er von der wild hin- und herschlagenden Rah eines anderen längsseits segelnden Schiffs getroffen wurde.

Der feierliche Abschied
                        vor der Reise ins Jenseits Der feierliche Abschied vor der Reise ins Jenseits
Nach Ruhm strebte ein König, nicht nach hohem Alter", rief ein norwegischer Häuptling namens Magnus Nacktbein bei einem Überfall in Irland, als er sich anschickte, seinen Göttern gegenüberzutreten. Der Tod nach einem Leben voll ruhmreicher Kämpfe bedeutete nur die Schwelle zu einem noch ruhmreicheren Leben im Jenseits. In dem großen Heldensaal Walhall winkten Gelage und Kämpfe. Die Bestattungsriten der Wikinger boten die Gewähr dafür, daß die Helden mit allem versehen waren, was sie für ihr Leben nach dem Tod möglicherweise brauchen würden, wenn sie aus dem Diesseits schieden.
Auf der Zeichnung rechts steht das Schiff eines toten Häuptlings bereits in einem riesigen, vielleicht 55 mal 45 Meter großen Grab. Männer stellen auf dem Totenschiff eine massive, mit einem Wandbehang geschmückte Grabkammer fertig. Der Tote liegt auf einem mit Schnitzereien verzierten großen Bett aufgebahrt. Eine seiner Sklavinnen wird geopfert werden, um ihn, ihren Herrn, zu begleiten. Er ist von Dingen umgeben, die er im Jenseits sowohl zum Kämpfen als auch für sein Wohlbefinden brauchen wird: Schwert, Axt und Schild, eine eisenbeschlagene Truhe mit Kleidern, ein zweiter Mantel und Eimer aus Eichenholz mit Eßbarem, wie Äpfeln und Walnüssen.

 

Zu der Zeit, als die Nordmänner begannen, ihre Boote mit Masten und Segeln aufzutakeln, begannen sie auch, richtige Eichenkiele in ihre Langschiffe einzubauen, um diese den Belastungen von Meeresüberquerungen und er Antriebskraft des besegelten Masts entsprechend zu verstärken. Diese Kiele hatten einen T-Förmigen Querschnitt. Man hatte die Erfahrung gemacht, daß ein derartiger Kiel das Wasser durchschnitt und dem Steuermann auch bei hoher See und Gegenströmung das Kurshalten wesentlich erleichterte. Weil die Wikinger Schiffe brauchten, mit denen sie sowohl am Strand anlegen und in seichten Gewässern kämpfen als auch Ozeane überqueren konnten, hielten sie die Kiele flach, ließen sie dafür aber vom Bug bis zum Heck des Schiffes laufen.
Die Wikinger entwickelten auch ein bemerkenswertes Steuerruder. Es handelte sich um die abgeänderte Form eines kurzen, dicken Steuerriemens, der achtern an der Steuerbordseite des Schiffes auf einem großen Holzblock mit einer Ruderleine so befestigt war, daß sich das Ruder wie ein Hebel um seinen Drehpunkt bewegen ließ. Der Steuermann bediente es mit einer Pinne. Da die Bordwand, an der gesteuert wurde, im Nordischen stjornbordi hieß, wurde der Name des Steuerruders auf den Steuerbord, das heißt auf die rechte Seite des Schiffs übertragen.
Da sie nun nicht mehr an ihre eigenen Küstengewässer gebunden waren, bauten die Nordmänner ihre Langschiffe immer größer, breiter und luvgieriger; immer höher zogen sie die Plankengänge der Seitenwände, um nicht naß zu werden, wenn sie kränkend die sturmgepeitschte Nordsee überquerten. Jetzt waren die Wikinger auf die Welt losgelassen.
Nirgends kommen das Hochgefühl und die Genugtuung, die die Skandinavier nach vollbrachten Taten auf dem Meer empfanden, besser zum Ausdruck als in Beowulf, einem altenglischen Heldengedicht aus dem 10. Jahrhundert. Prinz Beowulf vom skandinavischen Stamm der Gauten setzte die Segel, um Hrothgar, einem dänischen Verbündeten, im Kampf gegen das Ungeheuer Grendel zu Hilfe zu eilen:

Vom Winde beflügelt, durchflog seinen Weg das Schiff wie ein Vogel, das schaumhalsige, bis am nächsten Tag zur nämlichen Zeit. Der gewund'ne Steven so weit gelangte, daß Land die Segler erlugen konnten, flutumbrandete Vorgebirge, ragende Felsen. Erreicht war das Ziel der weiten Reise. Der Wettermark Helden stiegen nun eilends zum Strande hinab, das Boot zu vertauen; die Brünnen klirrten, der Degen Rüstzeug; sie dankten Gott, der nach Wunsch gestaltet die Wogenfahrt.

 

Obwohl das Heldenepos Beowulf von einem christlichen Mönch in Northumbrien niedergeschrieben wurde und die Wikinger damals noch Heiden und als solche keineswegs geneigt waren, einem christlichen Gott Dank zu sagen, ist doch jeder Satz von der Liebe zur See und von der männlichen Kühnheit erfüllt, die die Wikinger als Herren jener unvergleichlichen Kriegsschiffe ausgebildet hatten.
Für die Wikinger waren diese Schiffe so sehr zum Symbol ihres Selbstbewußtseins geworden, daß sie jedes Langschiff schmückten und herausputzten, um Wohlstand, Status und Macht zu zeigen. Einerseits beeindruckten sie damit Freunde und Verbündete und schüchterten andererseits ihre Feinde ein. Als 1013 in Dänemark eine von König Sven Gabelbart befehligte Flotte unter Segel ging, um in England einzufallen, verfiel ein Chronist beim Anblick so vieler kunstvoll geschnitzter und vergoldeter Schiffe in homerisches Schwärmen:

 

"Und es waren auf den Schiffen Löwen aus Gold zu sehen und auch Vögel, die auf dem Masttopp durch ihre Bewegungen die Windrichtung erkennen ließen, oder verschiedene Arten von Drachen, die Feuer aus ihren Nüstern bliesen. Hier glänzten Männer aus purem Gold und Silber, lebenden fast täuschend ähnlich, dort sprangen und brüllten Stiere mit emporgereckten Hälsen und ausgestreckten Beinen, als wären sie lebendig. Die Seitenwände der Schiffe waren nicht nur kunstvoll bemalt, sondern auch mit Gold- und Silberfiguren verziert. Das Königsschiff übertraf die anderen ebenso an Schönheit, wie der König den Kriegern an Ehre und Würde überlegen war. Im Vertrauen auf eine solche Flotte waren die Krieger frohen Mutes und umgaben das Königsschiff, wie man es ihnen befohlen hatte: Sie bildeten eine Reihe vor und eine hinter ihm. Weit und breit sah man das blaue Wasser aufspritzen, und das Sonnenlicht verbreitete, vom gleißenden Metall zurückgeworfen, doppelten Glanz."

 

 
 
Ein Wikingerheer ist mit seinen Langschiffen die Seine flußaufwärts gefahren und erstürmt mit Leitern die Stadtmauern von Paris. Dieser Überraschungsangriff im Jahre 845 war einer der ersten Überfälle auf die Stadt, deren massive Festungsanlagen - hier ein phantasievoller französischer Stich aus dem 19. Jahrhundert - die Wikinger oft aufgehalten hatten

 

Auf dem Meer muß man wachsam und furchtlos sein !
Die nordischen Götter, die das Meer beherrschten, gaben allen Anlaß zur Vorsicht. So verkörperten Ägir und seine Gattin Ran den Ozean als Quelle des Guten und Bösen. Verstand man es, Ägir milde zu stimmen, dann konnte er die Reichtümer des Meeres vor einem auftun, war er jedoch erzürnt, dann verlor selbst der kühnste Wikinger den Mut. In der Frithjofssaga wird dem weisen Seemann empfohlen, immer ein Stück Gold bei sich zu tragen. Würde er nämlich in einem Sturm ertrinken, dann dürfte er Ägirs Gattin nicht mit leeren Händen gegenübertreten. Er könnte sie mit Gold bestechen und sich auf diese Weise seine Aufnahme in Walhall sichern. Ein guter Kapitän hatte dafür zu sorgen, daß alle seine Männer diese Goldgabe hatten, notfalls mußte er aus eigener Tasche dafür aufkommen.
Auch Thor, den Gott des Donners, mußten alle Wikinger, wenn sie auf See waren, milde stimmen, weil er über Wind und Wetter herrschte.

 

Die erfolgreichen Fahrten verdankten die Wikinger nicht nur ihren großartigen und hochseetüchtigen Segelschiffen. Sie waren auch Seefahrer ohnegleichen, die kühn zu Erkundungsfahrten ins Unbekannte aufbrachen und dann fast beiläufig ihre Reisen wiederholten. Sie hatten einen untrüglichen Orientierungssinn, der geradezu phänomenal war. Das verblüffende an all ihren Fahrten lag darin, daß die Nordmänner einen Instinkt für das Meer hatten - eine Art sechsten Sinn, der dem Landbewohner unheimlich erschien, aber in Wirklichkeit nichts anderes war als ein ungeheurer Wissensschatz, den die Seeleute mühsam und jahrhundertelang anhand ihrer Erfahrungen zusammengetragen hatten.
Die Wikinger maßen der Gestalt von Wolkenformationen, Veränderungen von Wind und Wellen, Meeresströmungen und Grundseen, dem vom Meer aufsteigenden Nebel, der Färbung und der Temperatur des Wassers eine große Bedeutung bei. Sie konnten die Gewohnheiten von Seevögeln deuten und verfolgten aufmerksam die Flugbahn bestimmter Landvögel, die übers Meer zogen; sie blieben den aus dem Norden kommenden Fischen und Walen auf der Spur. An der Dünung, die sich an den den Färörer-Inseln vorgelagerten Bänken bildete, erkannte ein erfahrener wikingischer Seemann, daß er sich dieser Inselgruppe näherte. Der plötzliche Temperaturabfall des Wassers im Gebiet des Polarstroms war für ihn das Zeichen, daß Grönland nicht mehr weit war. Er merkte es auch am deutlichen Unterschied in der Wasserfärbung, die nicht mehr blau, sondern grün war, und schließlich an vereinzelten Treibeisschollen. Unterwegs kam ihnen im allgemeinen auch der Wind zu Hilfe.
Später würden Seeleuten als Hilfsmittel für die genaue Navigation Magnetkompasse und komplizierte Geschwindigkeitsmesser zur Verfügung stehen. Aber zu Wikingerzeiten war der Kompaß noch nicht vom Orient bis nach Europa vorgedrungen. Und was die Geschwindigkeitsmessung anbelangt, so hatten die Wikinger keine andere Möglichkeit, als vielleicht ein Stück Holz ins Wasser fallen zu lassen und zu zählen, wie lange es für die Entfernung vom Bug bis zum Heck des Schiffes brauchte, oder vorbeitreibende Wasserblasen zu beobachten.
Die wikingischen Seefahrer navigierten nach den Sternen und konnten mit Hilfe einfacher Regeln den Kurs und die Entfernung feststellen. Nachts war der Polar- oder Nordstern der wichtigste Anhaltspunkt am Firmament. Dieser Stern war auf seiner knappen Umlaufbahn um den Pol für gewöhnlich am Himmel zu sehen und deshalb für Seefahrer eine unschätzbare Hilfe. In sternenklaren Nächten brauchten sie nur den Winkel zwischen Fahrtrichtung und der Standlinie zum Polarstern festzustellen, und schon hatten sie den Kurs annähernd bestimmt. Später wurde diese Navigationsmethode "Segeln nach der Breite" genannt; sie fand unter den Wikingern weit verbreitete Anwendung, besonders auf ihren großen Entdeckungs- und Handelsfahrten nach Westen, wenn sie Hunderte von Kilometern übers offene Meer fuhren.
Das Navigieren nach der Sonne war schon komplizierter. Im tiefen Winter, wenn die Sonne fast gar nicht aufging, war sie als feste Marke für die Messungen nicht zu gebrauchen. Im Sommer dagegen, wenn die Sonne am Tag und zum Teil auch in der Nacht über dem Horizont stand, machten die Wikinger sich dies vollauf zunutze.

Erik der Rote
 
 
In voller Rüstung wirkt Erik der Rote wie ein Ritter der Tafelrunde und nicht wie ein rauher Wikinger. Dieser Holzschnitt des 17. Jahrhunderts stammt aus Norwegen. Es ist eine der ältesten Abbildungen des norwegischen Geächteten, der im Jahre 986 als erster auf Grönland siedelte und der Überquerung des "westlichen Ozeans" Zuflucht und Größe zugleich verdankte.

 

Erik Thorvaldsson Raudi - Erik der Rote - hatte rotes Haar; rot war auch sein Bart, blutrünstig sein Herz und blutbefleckt seine Hand. Sein Nachbar zu sein war lebensgefährlich. Er war ein Schurke ersten Ranges, durch und durch Heide und unverbesserlich bis zu seinem Ende. Aber er war ein ganz großer Wikinger, ein Mann, dem andere bis ans Ende der Welt folgten und mit dem sie am Rande menschlicher Existenz lebten.
Erik der Rote verkörperte die Größe, aber auch den Verfall des Wikingertums.

 

QUELLE: 
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